Besonderes über Bittingen


Auf den ersten Blick scheint die Aufgabenstellung klar und unmissverständlich. Schreibe zu dem Thema: "Was ist besonders in Bittingen?" Jippi, dann mal los. Schließlich wohne ich ja schon ein paar Tage hier. Doch wehe man fängt an nachzudenken.

Aus welcher Sicht soll denn das besondere in Bittingen aufgelistet werden. Nehmen wir mal den klassischen Herrn des Hauses, der ab und an mal ein Pilsken trinken möchte.

Oweia, da sind die Aussichten ziemlich trübe. Kneipen???? Null!!! Nix mit „ich gehe mal eben Zigaretten ziehen und schlürfe dabei einen Gerstensaft am Tresen“. Die Kneipenszene reduziert sich auf Erikas legendären Weihnachtspunsch der alljährlich auf der Adventsaustellung in Bittingens größter Gärtnerei ausgeschenkt wird. Die Zigaretten gibt es frühestens in Bilme. Für Camel Raucher kein Thema. Die latschen ja eh meilenweit für ihre Glimmstängel. Nee, der gesellige Biertrinker ist da schon auf andere Events, wie wir im Neudeutschen zu sagen pflegen, angewiesen. Da geht, in Relation zur Dorfgröße, einiges. Fester und gern angenommener Bestandteil des Dorlebens ist seit einigen Jahren ein erstklassiges Osterfeuer. Trotz übelster Witterungsbedingungen vollziehen die Einheimischen den Osterbrauch in einer Dimension, die den Anforderungen einer mittleren Kleinstadt gerecht wird. Da raucht es auch ohne Bilmer Kippen mächtig. Henken Wiese hätte eigentlich einen Eintrag die Liste der Topevents verdient.

Auch ausschweifende Dorffeste werden mehr oder weniger regelmäßig gefeiert. Und zwar mit einer Quote die sonst nur die Parteivorsitzenden im Osten erreicht haben. Ich habe da Bilder aus der örtlichen Presse, der unser Dorffest anno 1998, immerhin ein 4 spaltiger Artikel wert war. Damals waren, redaktionell belegt und notariell beglaubigt, 80 % der Bevölkerung anwesend. Übrigens nett anzusehen wie wir uns seitdem verändert haben.

Auch die jährliche Auftaktveranstaltung für 3 närrische Tage findet traditionell in unserem Dorf statt. Für die Auswärtigen, jetzt nicht mit Trömmelsche und Narrekapp im Februar nach Bittingen pilgern. Was ich meine, ist das Antreten zum Schützenfest auf dem Hof Brunnberg. Unter den bewundernden Blicken der weiblichen Zuschauer machen sich Herrschaaren stattlicher Mannsbilder auf den Weg um am frühen Montagmorgen Ihren König zu ermitteln.

Ok, vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber da ist schon was los im Dorf.

 

Apropos weibliche Zuschauer. Auch das wäre ja mal eine Sichtweite. Sieht auf den ersten Blick wieder ziemlich trübe aus. Nix mit Coco Chanell, Dior und Prada. Da wäre Helgas Wollstübchen, Eles Stoffcenter, Allos Bioprodukte und natürlich der größte Vertrieb für Schnitt- und Topfblumen in Bittingen. Macht aber nix, die Bittinger Frau an sich ist mobil, interneterfahren und erfindungsreich. Soll heißen, was sie will kriegt sie auch. Zumindest konsumtechnisch. Und wenn sie mal ein Käffchen trinken will? Obwohl ähnlich wie die Kneipenszene auch die Kuchengastronomie als völliges Brachland anzusehen ist, schaffen es die Mädels immer wieder ein entsprechendes Beisammensein zu organisieren. Und zwar anders als in den Städten, ohne Ladenschlussgesetz. Organisation ist überhaupt eine ausgeprägte Tugend der weiblichen Dorfbewohner. Nicht umsonst sind etliche Führungspositionen gemeinnütziger, nutzloser, kultureller, kirchlicher oder sonstiger Vereine, Clubs und was weiß ich noch alles, mit Bittinger Frauen besetzt. Kommen wir zu Bittingen aus Sicht der Jugend. Wow, das sind mal Perspektiven. Weite, ausgedehnte Felder und Wiesen. Quasi das Mekka der HIERLASSENWIRMALEINENDRACHENSTEIGENSZENE. Unberührte Wälder mit allerlei possierlichem Getier. Eine Einladung für jeden der Karl May zu seinem Lieblingsautor erkoren hat und auf den Spuren von Tom Sawyer und Hackelberry Finn in den Nahkampf mit Indianer Joe gehen will. Ich glaube, keiner würde heute Robinson Cruso kennen, wäre er in den Bittinger Wäldern verschollen und nicht auf dieser vielfrequentierten Insel im Pazifik gestrandet. Die naturbelassenen Mountainbikestrecken runden das üppige Freizeitangebot ab. Ein Paradies für die Jugend. Gut, vielleicht eher meiner Jugend. Im Jahre 2005 haben die Kids andere Anforderungen. Internetanschluss (vorhanden), LAN Party (möglich), DSL (ready) und vollen D1 Empfang muss ein Dorf von Welt haben. In die ortsüblichen Feierlichkeiten (siehe Kapitel 1) eingebunden und die zwischenzeitlichen Durststrecken locker mit diversen mehr oder weniger wichtigen Feten überbrückend lässt es sich aber aushalten. Nicht zuletzt Dank der hervorragenden Arbeit ambitionierter Jugendleiter (siehe weibliche Führungskräfte) werden Altersunterschiede souverän ignoriert, jeder Jugendliche mit offenen Armen empfangen und auf die Welt außerhalb unserer Dorfidylle vorbereitet. Mit ADTV Diplom ausgestattet, sind die Übergänge in die Erwachsenenwelt fließend und barrierefrei.

 

Barrierefrei ist das Stichwort für eine weitere wichtige Gruppe unseres Dorfes. Die Dorfältesten. Die, die noch vom Hochwasser, Frielings Obstwiese, dem ersten Auto in Bittingen (war übrigens der Lieferwagen vom damals größtem Blumenladen in Bittingen) und sonstigen Kuriositäten erzählen können. Sie haben es eigentlich am schwersten im Dorf. Verlässt doch der überwiegende Teil der Bevölkerung in den frühen Morgenstunden ihre Behausung um in der Ferne die finanziellen und intellektuellen Grundlagen zum Fortbestand des Dorfes zu legen. Manche fahren auch aus anderen Gründen in fremde Gefilde, wollen aber auch auf diese Weise den Bevölkerungsstand halten oder mehren. Auf Heim und Herd passen die Senioren auf. Ausgedehnte Spaziergänge werden in der leicht hügeligen Randlage der Metropole schnell beschwerlich und setzen eine gute körperliche Konstitution voraus. Die ist in der Regel schon alleine aufgrund der berühmten Bittinger Luft gegeben. Die in größeren Ansiedlungen üblichen öffentlichen Teichanlagen mit zu fütternden Enten werden durch preisgekrönte Eigenzüchtungen ersetzt. Da reicht die Palette von allem was Federn hat bis zum summenden Blütenbefruchter. Gefüttert werden alle wesentlich intensiver und liebevoller als die verwöhnten Enten der Stadtbevölkerung. Und Ruck Zuck ist es ja auch schon wieder Abend und alle morgens entschwundenen strömen voller Freude in unser Bittingen zurück.

 

Bittingen ist schon was Besonderes!

 

Günther Werner

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